Aus unserem Leben

Unser Feind, der Nachbar

Man sollte meinen, dass ich durch meinen Beruf eine hohe Sozialkompetenz mitbringe. Dass ich geduldig bin, tolerant allen gegenüber und großes Verständnis gegenüber Menschen mit individuellen Eigenarten mitbringe. Das tue ich auch bis zu einem gewissen Punkt. Und ich bin wirklich seeehr geduldig und nicht leicht aus der Fassung zu bringen!

Aber da ist dieser eine Nachbar. Ein alter, übergewichtiger Mann. Seine Frau hat augenscheinlich eine schwere Erkrankung, ich tippe auf Morbus Bechterew. Ihr Oberkörper ist so stark vornübergebeugt dass sie nur auf den Boden schauen kann und beim Laufen auf seine Hilfe angewiesen ist. Das ist wahrscheinlich der Grund, dass man sie so gut wie nie draußen sieht.

Mit Sicherheit eine bedauernswerte Situation. Auch ihr Mann, der sich im hohen Alter aufopferungsvoll um sie kümmert, könnte zu bedauern sein. Könnte. Wäre er nicht der schlimmste, unerträglichste, und entschuldigt die Wortwahl, geisteskrankeste Mensch der mir je begegnet ist. Ein Mann, der die Nachbarschaft regelmäßig aus der Fassung bringt. Einer, der sich wie der Hausmeister aufführt, obwohl er nichts zu sagen hat. Klingelt an Türen, bittet Menschen die Autos umzuparken, meckert die Kinder an, die Türen zum Hausflur dürften niemals offen stehen (die gefährlichen Mäuse kommen sonst herein!)

Das sind vielleicht noch Punkte, die der eine oder andere zum Schmunzeln findet. Würde es bei diesen Übergriffen bleiben, könnte ich den alten Mann auch müde belächeln.

Doch der Mann neigt noch zu anderen Verhaltensweisen. Beispielsweise pfeift er penetrant, wenn er die Kinder beim Spielen beobachtet. Ein warnendes Pfeifen: ich beobachte euch, macht ja keinen Unsinn! Die Nachbarskinder sind davon allzu oft beunruhigt und abgelenkt. Geht man über den Innenhof zum Auto, hört man sie manchmal tuscheln:“ der alte Mann steht wieder am Fenster und beobachtet uns…“

Und dann wären da noch wir. Wir mit unserem nervösen, aufgeregten Hund Mia. Der alte Mann kann bei ihr nicht nur dieses penetrante, lockende Pfeifen. Er kann auch bellen. Ihr lest richtig. Er hat die Bellgeräusche richtig perfektioniert. Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit wir rausgehen, zu 70% hören wir das Pfeifen und das Bellen, sobald wir aus der Haustüre gehen und es begleitet uns, bis wir außer Reichweite sind. Er macht es nicht nur aus dem Fenster oder von seinem Balkon aus. Nein, er stand auch schon hinter Büschen, hinter Autos, hinter Bäumen. 

Als wir Mia noch relativ frisch hatten und keinen Ärger mit den Nachbarn suchten, klingelte es einst bei uns an der Tür. Fort standen unsere Nachbarn vom Nebenhaus und sprachen uns auf den alten Mann an. Wie erzählten uns, dass sie selbst vor einiger Zeit einen Hund besessen hatten. Der alte Mann verhielt sich bei ihm gleich. Er stellte ihnen nach, pfiff und bellte. Sogar nachts stand er vor dem Schlafzimmerfenster, zog seine Show ab. Der Hund hatte damals stark auf den Mann reagiert und regelmäßig gebellt. Dies hatte dazu  geführt, dass immer mehr Nachbarn sich beschwerten und der Hund abgegeben werden musste.(Ein Glück, dass Mia sich nicht aufstacheln lässt. Allerdings macht er sie nervös, sie legt die Stirn in Falten und sucht nach der Geräuschquelle. Dafür macht der Mann Ole und mich unsagbar nervös bis aggressiv). Nun würde der Mann dem Sohn nachpfeifen und das Kind hätte Angst vor ihm. Die Nachbarn berichteten auch, dass der alte Mann schon mehrere Male von Eltern zur Rede gestellt wurde. Jedes Mal keifte er hysterisch los, schrie haltlos Beleidigungen und verzog sich in seine Wohnung.

Scheinbar war auch schob mehrmals die Polizei vor Ort. Jedes Mal, wenn sie bei ihm klingelten, öffnete er die Tür nicht und harrte der Situation in der Wohnung aus. 

Damals ließen wir uns von den Nachbarn überzeugen, gemeinsam zur Polizei zu gehen. Wir wollten eine Anzeige wegen Nachstellens und Belästigung aufgeben. Wir schilderten die Situation. Die gute Polizei, mein Freund und Helfer, gab die Auskunft, dass sie nichts tun könnten solange der Mann nichts weiter macht als zu pfeifen und zu bellen. Dass vor allem die Kinder Angst haben, spielt keine Rolle. Wenn er mal wieder pfeift, sollen wir die Polizei anrufen und sie kommen vorbei. Das Spiel kannten wir ja aus Erzählungen: dann würde er die Tür nicht öffnen und alles blieb beim Alten.

Wir waren genervt und frustriert und versuchten von da an die Ignorier-Taktik. Es sollte klappen wie bei einem Kind. Wird das unerwünschte Verhalten mit Missachtung gestraft, wird der alte Mann sein Interesse verlieren. Wir versuchten es einige Monate, doch das Pfeifen zermürbte uns langsam aber sicher.

Irgendwann entdeckten wir, dass wir den alten Glatzkopf von einer bestimmten Stelle auf der Straße sehen konnten, wenn er auf dem Balkon saß. Als er wieder bellte, blieben wir stehen und starrten zu ihm. Als er uns sah, versteckte er sich schnell in einer Ecke. Kurz darauf schaute der dicke Glotzschädel wieder vorsichtig hervor. Verdammt, wir standen ja immer noch da! Zack, verschwand er wieder in der Ecke. Wir waren genervt und amüsierten uns zugleich über dieses wahnsinnig kindische Verhalten. Also blieben wir locker 5 Minuten stehen. Der alte Mann schaute immer wieder schnell hervor, entdeckte uns und verschwand wieder. Tja, da war das Mäuschen wohl in der Falle. Als es uns langsam zu blöd wurde, blieb ich stehen und Ole lief um die Häuserecke. Nun konnte er den alten Mann in seinem Versteck sehen und winkte ihm fröhlich zu. Der alte Mann stolzierte daraufhin ohne einen weiteren Blick in seine Wohnung herein. Schade, er schien das Spiel nicht so witzig zu finden wie wir. 

Ein Mal bellte der Mann wieder ununterbrochen. Ich ahmte sein Bellen nach und rief laut: das sollten Sie besser nochmal üben. Sie klingen wie eine Seerobbe. Ja, „Sie“. Die Umgangsformen müssen ja gewahrt werden. Der Mann verstummte und ich vermutete, dass er sich traurig vor seinen Spiegel zurückzog, um das Bellen nochmal zu üben.

Eben war ich zur Abendrunde mit Mia draußen. Wieder begann der alte Mann zu pfeifen und zu bellen. Mia hat heute eine ziemlich anstrengende Trainingseinheit bei Carsten hinter sich gehabt. Sie war erschöpft und aufgeregt. Sein Bellen machte sie unruhig, was mich wütend machte. Ich lief zu der besagten Stelle an der Straße und starrte den alten Mann lange und regungslos an. Er sah allen Ernstes nach vorne, tat unschuldig und unberührt und war still. Nach einer Weile, in der er meine Blicke mied, rief ich: Sie sind ganz schön gestört. Aber wahrscheinlich können Sie nichts dafür!“ Der Mann reagierte mit Pfeifen und Bellen.

Ich weiß, wahrscheinlich sollte ich den alten Mann ignorieren. Wahrscheinlich hat er eine psychische Erkrankung und kann nichts für sein Verhalten. Aber das möchte ich nicht wahr haben, für mich ist er ein alter verbitterter Mann, der sein Leben hasst und zur Kompensation Nachbarn tyrannisiert. Ich habe ihm verbal und mental schon einiges an den Hals gewünscht. Selten habe ich einen Menschen so verabscheut. Aber egal wie ich mich verhalte, ich werde akzeptieren müssen, dass der alte Mann uns nachstellt bis er den Weg eines Sterblichen geht oder wir umziehen müssen.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann bellt und pfeift er noch heute… 

21 Kommentare zu „Unser Feind, der Nachbar

  1. Irgendwie tut mir der alte Mann ziemlich leid… Muss schlimm sein keine andere Wahl zu haben als auf so eine seltsame Art mit seinem Umfeld in Kontakt treten zu müssen.
    Aber ich kann auch dich verstehen. Ich habe ein Jahr direkt unter einer Frau mit psychischen Problemen gewohnt, die zu jeder Tages und Nachtzeit seltsame Dinge geschrien hat. Ihre Stimme hat sich dabei wie die vom bösen Gollum angehört, sodass sie den Spitznamen dann auch weg hatte. Zum Glück haben sich die Hunde daran überhaupt nicht gestört. Aber mich hat das echt kirre gemacht und ein wenig Angst hatte ich auch, sodass wir dann weggezogen sind.
    Liebe Grüße,
    Diana

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    1. Ich verstehe dich auch ! Anfangs hatten wir auch eher Mitleid, aber nach und nach haben wir das Gefühl bekommen dass er alles und jeden hasst und einfach tyrannisieren möchte. Vor allem auch da er auf alle Gesprächsversuche ausfallend und beleidigend wurde und laut Aussagen der Nachbarn nie anders war. Wenn er uns in Ruhe lassen würde, wären wir dankbar, würden ihn grüßen oder ignorieren. Aber so geht das nicht. Seid ihr wegen der Frau dann umgezogen? Sowas kann echt belastend sein, vor allem wenn man das Gefühl hat dass man andauernd beobachtet und verfolgt wird.

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  2. Ach herrje… ich hatte auch schon einen verrückten Nachbarn. Der war echt gemeingefährlich… ich bin dann umgezogen. Ich wünsche euch starke Nerven oder eine schöne neue Wohnung ohne irre Nachbarn.

    Grüßle Sandra und Shiva

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      1. Ja, der war wirklich verrückt. Wenn der mich mit Shiva im Garten gesehen hat, dann hat er angefangen zu schreien und mit der Gartenhacke gegen den Zaun zu schlagen. Die ging ja auch einige Male durch den Maschendrahtzaun. Nicht auszudenken, wenn er Shiva einmal erwischt hätte. Ich hab mich gar nicht mehr in den eigenen Garten getraut.

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  3. Ja leider, das waren so Momente wo er hysterisch los schrie und uns haltlos beleidigte. Oder uns ignorierte und verschwand. Keine Chance auf ein klärendes Gespräch 😐

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  4. Zuerst wollte ich ja schreiben, dass man da irgendwie drüber stehen muss.
    Aber das ist wirklich nur Theorie.
    Ich hatte einen Nachbarn, der mich volllaberte. Wenn ich daheim ankam, habe ich schon aus dem Autofenster geguckt, ob seine Tür offen ist – unsere Häuser haben die Eingänge nebeneinander. Die Tür war meistens offen und er saß so, dass er raus gucken konnte. Also kam ich nie ohne Gespräch nach Hause. Den wollte ich erschießen.
    Also, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie sehr der Mensch Euch nerven muss. Allerdings finde ich Eure Methode zurückzugucken gar nicht schlecht. Könnt Ihr eigentlich auch pfeifen? 🙂

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    1. Nicht so laut und schön wie er. Ja er belastet mich schon ziemlich. Wenn er zb im Innenhof steht und ich parke das Auto, dann bleibe ich so lange sitzen bis er weggeht um Konfrontation zu vermeiden. Wir sind eigentlich sehr harmonisch und wollen mit niemandem Stress haben. Von jemanden so dauerbelästigt zu werden ist schon etwas mit dem wir nicht gerechnet hätten. Ich meine er macht es ja wahllos bei allen Nachbarn. Aber bei uns besonders schlimm weil wir einen Hund haben und die scheinen ihn besonders zu stören.

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      1. Wie wäre es denn, die Kids mal zusammenzutrommeln und mal mit versammelter Meute zurückzugucken? Pfeifen können manche Kids bestimmt auch ganz gut… 😎

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      2. So in der Art.

        Aber im Ernst, wenn er mal von vielen richtig ausgelacht würde, wäre das für ihn schon blöd und würde den Genervten mal etwas Genugtuung geben und moralisch aufbauen. Einen Versuch ist es wert…

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  5. Das hört sich wirklich gruselig an…
    Ich finde es aber erstaunlich, dass scheinbar noch niemand beim Vermieter gegen ihn vorgegangen ist. Denn das hört sich ja wirklich nach Belästigung an, da würden wohl einige mitkommen und aussagen.
    Wenn der es schafft Hunde wegzuekeln, dann sollte es anders herum doch auch gehen? Gründe habe ich jedenfalls genug gelesen – Vor’m Schlafzimmerfenster hocken und Hund anbellen? Wie krass! 😮
    Da würde ich aber auch durchdrehen.

    Ich hatte eine Nachbarin in einer kleinen Mehrparteienwohnung, die hatte Tagein-tagaus ihren Fernseher an, extrem laut. Und es lief zu jeder Tages und Nachtzeit ein Gewinnspiel, ich glaube sogar fast, dass es immer das gleiche war (vllt aufgenommen?).
    Das hat mich schon furchtbar genervt, aber immerhin war die Frau freundlich, auch wenn eindeutig geistig nicht ganz richtig, leider.

    lG Alina

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    1. Doch, gut dass du es ansprichst. Auch das wurde vor unserer Zeit wohl mehrmals versucht und auch als Sammelbeschwerde mehrerer Nachbarn. Der Vermieter hat ihn daraufhin wohl kontaktiert. Der alte Mann kann aber total normal reden und vernünftig tun, wir einer, der gut ist und alles Schändliche im Blick hat. Der Vermieter hätte ihn wohl geglaubt, dass nichts vorgefallen ist m, dass er höchstens mit den Kindern geschimpft hat als sie Unsinn gemacht haben… für uns klang das am Anfang total unglaubwürdig und paranoid. Mittlerweile glauben wir das auch. Auch wenn er andere ältere Menschen draußen trifft, ohne Kind und ohne Hund, plaudert er ganz normal. Und er versucht bei seinen Aktionen ja immer versteckt zu stehen und hört auf sobald man schaut.

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  6. Es ist sehr traurig, dass es solche Menschen gibt, die wahrscheinlich nicht einmal etwas dafür können. Einsicht, Empathie und Verständnis kennen diese Menschen – krankheitsbedingt – leider nicht. Daher würde ich auch nicht das Gespräch suchen, sondern diese Menschen weiträumig meiden.

    Dein Weg zu starren scheint ja auch zu helfen.

    Viele nachdenkliche Grüße
    Sabine mit Socke

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  7. Vielleicht mal versuchen ihn zu filmen. Dann hätte man Beweise. Es ist wirklich schlimm, dass es ihm und seiner Frau nicht gut geht, aber das ist kein Grund, andere Menschen zu tyrannisieren. So ein gruseliger Mann kann auch bei den Kindern Schäden hinterlassen. Die Idee ihn in der Gruppe nieder zu starren finde ich perfekt. Dann haben die Kids einen Erfolg. Euch viel Durchhaltevermögen.
    Lg Nina und Amy

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    1. Danke dir ! ☺ mit filmen waren wir bislang vorsichtig, das dürfte man ohne sein Einverständnis ja nicht verwerten… recht am persönlichen Bild und so 😣 aber zum Glück gibt es manchmal sogar Tage bis Wochen wo er eine Pause einlegt bevor er wieder los schikaniert. Auch seit meinem Eintrag hab ich ihn noch nicht gehört. Jeden Tag, das wäre besonders schlimm…

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      1. Stimmt. Darüber hab ich gar nicht nachgedacht. Na dann weiterhin viel Kraft und ich hoffe er gibt auf, oder euch „läuft“ eine tolle neue Wohnung über den Weg.

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