Aus unserem Leben

Fragen und Aussagen selbsternannter Hundeexperten – Teil 1

Kennt ihr diese Situationen, in denen euch Menschen aus dem persönlichen Umfeld oder vor allem fremde Menschen auf eure Hundeerziehung ansprechen? Und dann auch noch meistens in einer Situation, in der ihr eure komplette Aufmerksamkeit auf euren Hund richten müsstet, weil die Lage gerade sowieso schwierig ist?

Mir passieren solche Situationen immer wieder. Gerade bei Hunden wie Mia können viele Menschen nicht glauben, dass auch sie ängstlich sein können. Freundlicher, heller Labrador, läuft fröhlich wedelnd neben Frauchen her. Und diese Hunde lieben Menschen ja eh. Ich werde nie verstehen, warum Menschen sich so distanzlos verhalten. Aber hier meine persönlichen „Favoriten“:


  1. Warum hat euer Hund denn Angst vor mir?

Lass mich mal überlegen… Vielleicht liegt es daran, dass du, fremde Person, gerade Mias Grenzen nicht akzeptiert hast, zielstrebig auf sie zugesteuert bist oder sie gegen ihren Willen berührt hast. Vielleicht liegt es an der gesamten Situation, sie hatte schon vorher vor etwas Angst und ist überfordert, wenn sie auch noch angesprochen wird. Oder ich könnte dir die ganze Geschichte von Mias Leben erzählen – aber wahrscheinlich willst du das gar nicht wissen? Denn in Wahrheit denken viele Menschen wahrscheinlich: falsche Erziehung, falscher Umgang mit dem armen Hund.

  2.  Lass mich mal zu ihr – ich kenne mich mit Hunden aus!

Mag sein, dass du dich mit Hunden auskennst. Aber ich kenne mich mit meinem Hund noch am Besten aus. Ich weiß, dass sie nicht zu dir möchte, deswegen halte ich sie ja bei mir. Du hast Glück, dass mein Hund kein Angstbeißer ist – dann würde mein „Ich hab dich ja gewarnt“ im schlimmsten Fall falsch herüberkommen und wir hätten gewaltigen Ärger. Mia kriecht im schlimmsten Fall zu dir, bellt dich an oder pinkelt neben dir auf den Boden. Das fändest du wahrscheinlich ziemlich ekelhaft und ungezogen.

3.  Kann mein Hund mal Hallo sagen? Das ist wichtig für die Hundekontakte.

Ob er kann, weiß ich nicht. Allerdings darf er nicht. Zumindest wenn Mia und ich eines der folgenden Dinge tun:

  • Ich leine sie schon auf Distanz an
  • Ich laufe einen Bogen
  • Mia und ich sammeln uns und laufen nebeneinander und konzentriert vorbei

Diese Dinge tu ich stets mit einem Hintergedanken: Meistens hat es damit zu tun, dass wir gerade für uns wirklich wichtige Dinge trainieren. Davon stirbt der Hund nicht. Nur wenn Mia frei ohne Leine läuft oder ich mich mit ihr im Auslauf bin, darf der Hund natürlich  „Hallo“ sagen.

4. Du würgst den Hund ja. So eine Tierquälerin!

Diesen Satz habe ich häufig gehört, bevor wir zu unserem jetzigen Hundetrainer kamen. Wer unsere Geschichte gelesen hat weiß, wie viele Versuche wir unternommen hatten, um das Ziehen in den Griff zu bekommen. Nur, wenn Mia einen anderen Hund sah, wirkte nichts mehr und sie war nicht mehr zu kontrollieren. Und manchmal kam man in diese Situation, da musste man an einem Hund vorbei und das auf kurze Distanz. Vor allem, wenn die Halterin meine Fragen wie: „Könnten Sie Ihren Hund kurz zu sich holen?“ nur mit einem „Der tut nix!“ quittierte. Dann mussten wir irgendwie vorbei. Ich hielt Mia kurz, sie sprang mit aller Kraft in die Leine rein. Natürlich würgte sie sich dabei und der Zustand war für mich sowieso unerträglich – wie ihr aufmerksamen Leser wisst. Und trotzdem darf sie in so einem Moment nicht den anderen Hund erreichen, denn das wäre ja quasi ein Erfolg für sie gewesen. Ich bin froh, dass solche Situationen mir heute nicht mehr begegnen können.

5. Der Hund liegt ja alleine auf der Decke. Also darf ich ihn auch streicheln!

Wir machen Deckentraining und Mia liegt dort – mit den Blicken auf uns gerichtet und fällt langsam in die Entspannung. Ich weiß nicht, wie Menschen auf die Idee kommen, zu ihr zu gehen. Und sie gar anfassen zu wollen. Natürlich sieht sie ungemein niedlich aus, wenn sie auf der Decke liegt. Und entspannt. Aber Das ist kein Freifahrtschein zum Anfassen! Und wenn man die Szene etwas beobachtet, sieht man, dass wir hoch konzentriert dabei sind. Dass wir zu ihr gehen und sie wieder auf die Decke bringen, wenn sie sich etwas vor robbt. Also, alleine ist sie auf gar keinen Fall!

6. Hast du deinen Hund falsch behandelt oder wieso ist sie so?

Diese Frage passt eigentlich ganz gut zur ersten und doch hat sie nochmal eine andere Tragweite. Hier wird mir ja ziemlich direkt unterstellt, dass ich Schuld an der Misére bin. Wie gesagt, natürlich trifft uns durch die falsche Trainerwahl auch eine große Mitschuld an Mias Situation. Wobei sie in ihrer Prägephase schon einiges erlebt hatte, was nicht unsere Schuld war. Und auch wenn wir eine Mitschuld tragen, war es nie gewollt oder war nie auf Tierquälerei unsererseits zurückzuführen. Wir haben immer alles versucht, damit es Mia besser geht. Vor allem jetzt sind wir auf einem sehr guten Weg. Aber vor solchen Fragen bin ich immer noch nicht gefeit und natürlich verletzen sie mich.

7. Dein Hund braucht mehr Auslastung.

Oh weh, und noch so ein Vorwurf. Du kümmerst dich nicht genug. Du machst nicht genug mit ihr. Du lässt sie verkommen. Nie im Leben würde ich meinen Hund zuhause verkommen lassen. Wir unternehmen viel mit ihr. Wir trainieren viel mit ihr. Mias Wahrheit ist und war, dass sie vor allem anfangs nicht zur Ruhe kam. Dass sie nicht entspannen konnte. Dass sie immer aufgeregt und auf einem erhöhten Erregungsniveau war. Immer in Alarmbereitschaft. Was sie brauchte, war kein Spiel und Aufregung. Was sie brauchte, war viel mehr Ruhe. Leider sehen Außenstehende so etwas nicht.

 


 

Mir würden jetzt sicher noch viel mehr ärgerliche Aussagen und Fragen einfallen, doch ich belasse es vorerst dabei. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie solche Fragen einen aus dem Konzept bringen können, gerade wenn man selber erschöpft und überfordert mit der Situation ist oder sich abmüht, seinen Hund mental zu erreichen.

Ich fand mich auch gerade in der ersten Zeit immer in der Lage wieder, mich für meine Erziehung und meine Regeln rechtfertigen zu müssen. Wenn man das versucht, kann es viel Kraft kosten, vor allem wenn die anderen die Gründe eigentlich gar nicht wissen wollen.

Zum Glück habe ich mittlerweile wirklich ein dickeres Fell bekommen und die Lage entspannt sich etwas – was leider auch keinen Grund für die Kritiker bedeutet, ihre Worte bei sich zu lassen.

21 Kommentare zu „Fragen und Aussagen selbsternannter Hundeexperten – Teil 1

  1. Oh jaaaa…. Ich bin ganz bei dir 🙂
    Solche Experten schießen wie Pilze aus dem Boden, gerade dann, wenn man mitten im Training ist… Natürlich würden SIE mit jedem noch so schwierigen Hund klar kommen und haben niemals Probleme *gähn… 😅
    Sätze wie „Der tut nix… Der will nur spielen…“ sind mir ein Graus…
    Letztens ist mir sogar im Tierpark ein Mann mit seinem Labrador hinterher gerannt, voll frontal auf meine Hunde ab „Schnell mal Hallo sagen…“ Da frage ich mich, ob die Leute ganz dicht sind… 😂
    Schöööön ist ja auch die Bemerkung: „Das kommt ja alles durch die Leine! Sie müssen sich nicht wundern über ihren asozialen Hund, wenn er nirgends hin darf…“
    Ich freue mich immer, wenn meine Hunde soziale Kontakte pflegen, aber WO und WANN bestimme ich doch gerne noch selbst!

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  2. Ich kann verstehen, wie sehr das nervt. Ich denke gerade Hundehalter sollten viel verständnisvoller und umsichtiger sein.
    Sei gewiss, dass man uns auch schon etliche Ratschläge wegen Socke, Sockes Erkrankungen, dem Fell und dem Verhalten gegeben hat. Selbstredend ungefragt, aus unserer Sicht ohne Anlass und natürlich aus Expertensicht. Zum Glück habe ich ein dickes Fell und kann diese Dinge gut ignorieren.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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    1. Ja das ist schon mal super dass du das gut ignorieren kannst! Ich werde es auch noch lernen, muss ja 😉 aber schon komisch dass Menschen immer wieder anzweifeln, dass man selber den Hund am besten kennt und sich viel mit ihm beschäftigt hat.

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  3. Das kenne ich leider auch. Besonders die Sich-mit-Hunden-Auskenner gehen mir auf die Nerven. Die sehen auf den ersten Blick, dass Kalle „doch ganz lieb“ ist und halten das für einen Grund, ihn anzufassen. Wenn ich darauf hinweise, dass er nicht gestreichelt werden möchte: „Das ist schon Ordnung, ich hatte selbst immer Hunde:“ Supi! Als ob Kalle sich denkt: „Ach, der hat selbst Hunde. Dann ist es natürlich vollkommen in Ordnung, wenn er sich über mich beugt und mir die Hand auf den Kopf patscht.“ Verständnislos.

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    1. Jaaa, genau, immer dieses „das ist schon in Ordnung“, als würden sie das am besten beurteilen können. Das sind auch immer die Leute die sich völlig beratungsresistent zeigen. Starren Mia in die Augen und sprechen sie an, also wird sie unsicher und bellt. Ich erinner sofort dran: bitte erstmal nicht beachten bis sie sich entspannt. Antwort: ach das macht mir nichts ich habe keine Angst vor Hunden. Schön, Mia aber vor Menschen.. grml.. Schön dass ich damit nicht alleine da stehe. Wobei, eigentlich traurig !

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  4. Ich finde Deine Trainingsansätze ganz wunderbar! Besonders das Decken-Training finde ich super, das habe ich mit Charlie auch hinter mir und kann Deinen Ärger über Dritte dabei so gut verstehen! Lass Dich nicht von Deinem Weg abbringen, Du spürst am Besten, was gut für Mia ist! 🙂

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    1. Ich danke dir dafür! Ja ich glaube bei jedem Training muss man mal mit doofen Kommentaren oder blicken rechnen.weil irgendwer es immer besser wissen möchte 😉 zum Glück ist es mir schon etwas egaler als am Anfang geworden 😁

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  5. Das kenne ich leider nur zu gut, diese ganzen Besserwisser, 🙄 bei uns kamen auch immer wieder mal die top aussagen wie, „drück ihn auf den Boden und halte ihn so lange bis er Ruhe gibt,“ beiss ihm auch in sein Ohr“, und der Klassiker „oh die machen sich das schon alleine aus“ 🤦‍♀️

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  6. Ich kann Dich sowas von verstehen…!! In den fast drei Jahren seit wir hergezogen sind hab ich mir auch ein dickes Fell wachsen lassen müssen… Klappt aber nicht immer 😉

    Mir geht es hier ähnlich. Warum nur wollen alle immer ungefragt Hunde streicheln, dann noch am besten direkt von oben auf den Kopf tatschen..? Mach wir doch auch nicht. Doch, ich einmal. Hab einen ignoranten Halter umarmt. Als er fuchtig wurde, hab ich ihn darauf hingewiesen dass meine Hunde sich genauso fühlen und wenn er als ehemaliger „Hundeführer“ nicht mal Angst bei Hunden erkennt und sie gepflegt ignoriert – sollte er sich dringend bei einem guten Trainer über Körpersprache und Co. informieren… Über sechs Monate ließ er seine Hunde immer wieder in meine laufen. Kein Gespräch hat was gebracht, er wurde sogar beleidigend. Da gab es dann eine Anzeige. Einer anderen Dame habe ich gesagt beim nächsten Mal ist die Hand ab und wenn er beißt, ist sie selbst schuld. „Der muss das lernen angefasst zu werden!“ Ich: „Fressen, kacken, schlafen – das muss er. Alles andere lernt er in seinem Tempo und ich helfe ihm dabei!“. Meine Trainerin empfiehlt bei „Nur-mal-Hallo-Sagern“ – einfach Leckerlis vor die Nase werfen, gar nicht erst diskutieren. Kommt dann warum man den Hund ungefragt füttert, kann man gleich kontern – Wäre nicht möglich gewesen würden sie ihren Hund nicht ungefragt zu meinen laufen lassen 😉

    Da kann man echt Romane schreiben… Ich würde mir mehr Respekt und gegenseitige Rücksichtnahme wünschen. Wir selbst achten sehr darauf, laufen vorausschauend – eben weil wir spezielle Hunde haben die schnell ängstlich oder panisch werden und dann auch mal bellen.

    Auch immer schön wenn der Hund nur pinkelt und man direkt angebrüllt wird das wegzumachen. Ja ne ist klar, soll ich ne Schöpfkelle drunter halten?? 😀

    Ich wurd auch schon als arrogant bezeichnet, weil ich nicht immer grüße oder reagiere. Mir wurscht, wenn es die Situation erfordert konzentriere ich mich nur auf meine Hunde. Der Rest muss warten.

    Grüßle

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    1. Ein richtig guter Kommentar! Du sprichst mir sowas von aus dem Herzen. Da hast du ja auch schon ganz schön fiese Kandidaten kennen gelernt. Ich find es richtig cool wie du darauf reagierst. Ich tendiere immer zum Erstarren und hinterher aufregen… wobei das schon echt besser wird! Das ist das Gute daran, man lernt seinen Hund zu beschützen.

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      1. Ja! Das würde sich nicht jeder trauen. Aber ich merk dass ich immer häufiger den Mund aufmache. Wie Carsten sagt: ich muss für meinen Hund einspringen und aktiv werden, sprich etwas tun, sobald sie nervös wird oder Angst kriegt. Seit dem mir bewusster ist rutschen mir immer häufiger mal Kommentare raus 🙈

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      2. Aktiv werden, etwas tun, mache ich ja auch, vor allem, wenn es darum geht meinen Hund zu schützen, nur dieses Gelabere…. Okay ist nicht so meins… Da fehlen mir schnell mal die Worte. 🙂

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      3. Ich reagiere meistens auch eher sprachlos und ärger mich im Nachhinein ziemlich drüber. ß er vor kurzem hab ich zwei sehr stark angetrunkene Polen angeschrien die plötzlich lachend, klatschend und pfeifend auf Mia zugelaufen sind als sie im Park auf ihrer Decke lag. Ich bin hoch gesprungen hab gebrüllt Ey lasst meinen Hund in Ruhe! Dann hat der eine einen knallroten Kopf bekommen und meinte zu mir „die liegt hier Doch alleine!“ Und dann hab ich etwas geflunkert und zurück gebrüllt „wir sind im Training! Die beißt!“ Daraufhin ist er von ihr zurück gewichen. Da war ich so stolz auf mich. Aber es war mir auch so unangenehm dass ich Mia und die Decke geschnappt habe und gegangen bin.

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      4. Das ist aber auch verständlich, wenn ich meine Hunde irgendwie „in Gefahr“ sehe, wachse ich schon über mich hinaus und kann durchaus ziemlich zickig werden. 😁

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      5. Ich war da schon immer so 😀 Ungerechtigkeit in jeglichen Situationen kann ich nicht ausstehen und so wie ich anderen mit Respekt und Höflichkeit begegne, erwarte ich das umgedreht auch. Wer eine Frage hat, dem erkläre ich es gerne auch hundertmal warum wieso weshalb. Wer meine höfliche Bitte ignoriert oder dann ausfallend wird, muss mit Konsequenzen rechnen. Meine Hunde sind darauf angewiesen dass ich sie schütze – vor Tatschern, aufdringlichen Hunden, Angst machenden Situationen… – das geht vor. Klar kostet das auch mal Überwindung.

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