Unsere Geschichte

Eskalation – Mia, was sollen wir noch machen?

Nachdem die Hundetrainerin uns versichert hatte, dass wir nun alleine zurecht kommen würden, versuchten wir es. Ich versuchte Mia mithilfe des Futterbeutels und des Clickers zu beschäftigen. Bei Gassigängen nahmen wir es auch sehr ernst, verteilten den Beutel immer wieder in neuen Verstecken. Mia hatte großen Spaß an der Übung und war hochkonzentriert. Sogar auf der Arbeit schaffte ich es in kleinen Leerläufen, Mia mithilfe des Trainings zu beschäftigen.

Wir kamen auf den Geschmack vom Clicker. Wir erlernten langsam neue Kommandos (Hoch, Schäm dich, Rolle…) Wir brauchten hierfür sehr viel Geduld und Liebe. Mia, die immer noch geprägt von der fragwürdigen Nein-Erziehung war, traute uns nicht richtig und bekam Angst, sobald sie das Leckerli nicht beim ersten Mal erhielt, bzw. wenn wir versuchten, sie mithilfe des Leckerlies in eine Position zu bekommen. Wer konnte ihr das schon verübeln? So neigte sie dazu, Vermeidungsverhalten zu zeigen, wegzuschauen, ängstlich zu wedeln und sich in kleinen Bögen auf Distanz zu bringen. Durch viel Zuspruch schafften wir es dennoch und Mia lernte auf ihre schnelle Manier neue niedliche Kommandos.

Auf der Arbeit versuchte ich zudem einen weiteren Trick, den die Trainerin uns mitgegeben hatte. Und zwar versuchte ich jedes Mal, bevor die Zimmertür sich öffnete, in dem Moment zu clickern, in dem Mia nicht bellte und sie somit für richtiges Verhalten zu belohnen. Dies erforderte viel gutes Timing und manchmal (z.B. bei überraschendem Besuch innerhalb von Therapiesituationen) hatte ich den Clicker natürlich nicht griffbereit. In solchen Momenten reagierte Mia sofort, bekam einen Kamm, bellte und knurrte den Besuch an. Durch die Trainerin wusste ich, dass ich dieses Verhalten nicht abstrafen sondern ignorieren sollte. Gutes belohnen, Schlechtes ignorieren. Das klang gut. Ich möchte abermals betonen, wenn ich eine Hausaufgabe bekomme, welche für mich zielführend wirkt, dann klemme ich mich wirklich dahinter und halte mich daran. Wir hielten uns an das Erlernte. Wir merkten ziemlich gut, wenn eine Herausforderung für Mia zu einfach wurde und steigerten sie langsam.

Das Grundproblem blieb jedoch bestehen. Mia fand andere Hunde interessanter als uns und wenn sie Angst bekam, war die Angst größer als das saftigste Leckerli. Dies führte dazu, dass wir manchmal situativ Erfolge hatten, aber Mias Trieb in der nächsten Situation wieder so stark war, dass wir sie mithilfe unserer Tricks nicht sicher aus der Situation bringen konnten.

Ich schätze außerdem, dass zu dieser Zeit zusätzlich  Mias Pubertät uns einen harten Schnitt durch die Rechnung machte. Mia hatte nach wie vor nicht erlernt, zu entspannen. Ich muss zugeben, dass sie nach dem ausgiebigen Such- und Clickertraining etwas ruhiger wurde und die ersten Male richtig schlief, ohne alles zu beobachten. Doch sie hatte immer noch ihre etwas rastlose und extrem hyperaktive Art, mit der sie viele Hunde und Menschen nervte. Nachts schlief sie gut, tagsüber döste sie jedoch höchstens 1-2 Stunden und war bei jeder Bewegung wieder hellwach. Nach wie vor wurde uns mangelnde Erziehung vorgeworfen. Ich konnte mich auf der Arbeit dennoch glücklich schätzen, denn mein Chef liebte Mia nach wie vor und plädierte immer wieder für sie: „Sie ist halt ein Hund“.

Ich kann gar nicht sagen, dass Mias Verhalten von einem Tag auf den anderen schlimmer wurde, es war wohl eher ein schleichender Prozess, den wir in der täglichen Interaktion nicht bewerten konnten. Auf jeden Fall war die Situation irgendwann untragbar für uns.

Auf der Arbeit: Mia bellte und knurrte so gut wie jedes Mal, wenn jemand zur Tür hereinkam. Der Trieb war einfach größer als das Training. Auf den Gängen kniff sie den Schwanz, kroch teilweise wie ein getretener Hund und wollte einfach vor allem flüchten. Wenn wir einem Menschen begegneten, ergriff sie die Flucht tatsächlich (bis die Leine auf Spannung war) oder urinierte haltlos unter sich, auf ihr Kissen, auf den Boden… Alternativ dazu verbellte sie den Menschen.

Ich bemühte mich, mit dem Training standhaft zu bleiben. Ich schickte abermals Rund-Emails und klärte alle möglichen Menschen abermals auf: Bitte Mia ignorieren, wenn ihr den Raum betretet (bis sie entspannt), bitte mich ansehen, bitte nicht sofort auf sie einreden (bis sie entspannt ist und selber Kontakt sucht). Ich muss hier dankbar erwähnen, dass die meisten Kollegen sich daran hielten und das wunderbar machten. Manche musste ich doch immer wieder ermahnen oder mich dazwischen stellen.

Vor allem Erwachsene und Kinder, welche selber Hunde hatten, wollten alles besser wissen: „Mich kannst du zu ihr lassen, ich kenn mich aus.“, „Die wedelt doch mit dem Schwanz, das ist keine Angst, sie möchte spielen“. Diese Menschen waren vor allem in dieser unruhigen Zeit eine große Belastung für mich. Andauernd musste ich mich rechtfertigen, warum ich meinen Hund so behandelte, warum es wichtig sei, dass sie sich an die Regeln hielten – doch bei manchen hätte ich genauso gut mit einer Wand reden können.

Es begann immer häufiger auch auf dem Gang, dass Mia Menschen verbellte. Einmal war sie mir ohne Leine aus dem Raum geschlüpft (mein Fehler), rannte zu einer Patientin im Wartezimmer, welche sie nicht mal beachtete, bellte sie an, rannte wieder weg, rannte wieder zu ihr, pinkelte eine große Pfütze neben sie und verkroch sich dann unter einem Stuhl.  Spätestens bei dieser Situation stiegen mir die Tränen in die Augen und ich dachte, dass mit Mia nun alles zu spät sei. Ich brachte sie auf ihr Kissen und reinigte das Wartezimmer unter klugen Ratschlägen von Augenzeugen (Sie hat nur Angst, das müsst ihr trainieren etc).

Sogar bei ihren Spieleinheiten in Chefs Büro wurde es ihr zuviel. Während sie früher immer großen Spaß daran hatte, stand sie nun minutenlang vor seiner Tür und begann lautstark zu bellen, bis er sie wieder zu mir brachte. Einige Kollegen waren verständlicherweise davon genervt und somit wollte ich diese Spieleinheiten komplett einstellen.

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Ich war mittlerweile leider an dem Punkt, dass ich mit Gedanken spielte, mich von Mia zu trennen. Ich fand den Zustand vor allem für Mia unzumutbar, sie alltäglich in solche Situationen zu bringen und nicht in der Lage zu sein, ihr zu helfen. Außerdem fand ich mich selber dreist und dachte, ich habe den Hund mit der Rechtfertigung zur Arbeit genommen, mit ihr arbeiten zu wollen. Nun waren wir gar nicht in der Lage dazu und ich stresste die Mitarbeiter und Kunden mehr, als dass sie sich über den Hundebesuch freuen konnten.

Beim Gassi: Mia führte uns spazieren. Selbst wenn wir die Richtung wechseln und sie kurz nicht mehr so gnadenlos in der Leine hing, war sie nicht bei uns – versteht ihr, wie ich das meine? Wir waren quasi nicht da für sie. Wir waren nicht in der Position, ihr als Rudelführer den Weg zu zeigen. Bei jedem Hund rastete sie übermäßig aus, bellte, legte sich flach auf den Boden und zog mit solcher Wucht in die Leine, dass sie kaum zu halten war. Häufig sah man die verachtenden Blicke der anderen Hundehalter. „Eine Tierquälerei ist das, den Hund so auf Spannung zu halten.“ Oder wir schafften es halbwegs, Mia mit dem Richtungswechsel bei uns zu halten und riefen den anderen Haltern zu, dass wir keinen Kontakt wollen, sondern im Training sind. „Nur mal Hallo sagen!“ „NEIN“, zu spät, schon war der Hund abgeleint und turnte um Mia herum. Mia in ihrer hektischen Art versuchte zu toben, sprang, verhedderte sich oder den anderen Hund in der Leine, würgte sich, bog ihr Bein bedrohlich ab und ließ sich kaum halten, um sich entheddern zu lassen.

Und die Angst… Die große Angst… Vor Baumstämmen, vor Fahrrädern, vor Menschen, vor Plastiktüten. Mia war eigentlich vor allem auf der Flucht. In den Momenten waren wir und die Leckerlies für sie nicht mehr existent. Sie wollte einfach weg von allem. Weg von uns. Sie lief kaum noch draußen, ohne sich in alle Richtungen umzuschauen, den Schwanz bis an den Bauch eingeklemmt oder kriechend wie ein völlig misshandelter Hund. Wenn wir angesprochen wurden, bellte sie unaufhörlich los, bis der Reiz verschwunden war. Sie lief riesige Bögen um alles. Es tat uns im Herzen weh. Wir spürten, dass wir versagt hatten und ihr nicht helfen konnten. Auch bei meinem Partner manifestierte sich langsam die Meinung, dass Mia bei einem erfahrenen Halter ein wesentlich besseres Leben haben könnte. Wir dachten nur noch, dass ihre Haltung bei uns eine einzige Quälerei sei.

Warum wir keinen Trainer kontaktierten? Wir hatten den Glauben daran, dass wir es hinbekommen konnten, in dieser Zeit verloren. Wer unsere Geschichte von Anfang an verfolgt, weiß dass wir bereit für Hilfe waren, diese jedoch nicht zielführend war. Ehrlich gesagt waren wir auch kraftlos. Wir konnten es nicht schaffen. Nach jedem Training war das Verhalten immer schlimmer und das Training immer wirkungsloser geworden.

An einem Tag des größten Frusts ging ich mit Mia nach Feierabend spazieren. In meinem Kopf war ich nach wie vor bei dem Gedanken, mich von Mia zu trennen. In der Parkanlage sah ich von Weitem eine Frau, welche mit einem Mann und einem Staffordshire spazieren ging. Sofort lief ich in einem großen Bogen, um der Hundekonfrontation auszuweichen. Mia war bereits in Höchstspannung und fixierte nur noch den Hund. Plötzlich sah ich, wie der Mann in meine Richtung zeigte. Die Frau lief mit ihrem Hund schnurstracks auf mich zu. Ich wurde wütend. war sie eigentlich bescheuert? Nur eine weitere Frau, die unsere Grenzen ignorieren will, damit der Hund mal „Hallo“ sagen kann.

Als die drei näher kamen, hörte ich, dass der Mann ihr Anweisungen zurief: „Bleib konzentriert, lass die Leine fallen, Leine loslassen“. Ich wurde nervös, verstand aber, dass der Mann ein Hundetrainer war. Also stieg ich auf Mias Leine, wie wir es bei der ersten Trainerin gelernt hatten. So, dass sie den Hund nicht erreichen konnte. Für Mia war das ein riesen Stress, sie sprang immer wieder in die Leine, versuchte den Hund zu erreichen, bellte erregt, duckte sich dann vor dem Trainer weg, sprang wieder, bellte…

Ich blieb stehen und beobachtete das Geschehen. Die Frau lief nun mit ihrem Staffordshire ca. in einem Meter Abstand an mir vorbei. Der Hund zog seine Leine lose hinter sich her und achtete nur auf sein Frauchen. Daneben stand ich mit dem Hund, der sich immer weiter in sein Verhalten steigerte und immer intensiver bellte und sprang und winselte. Der Trainer war zunächst nur konzentriert bei seiner Kundin, gab ihr Ratschläge und sie schaffte es tatsächlich, mehrmals dicht an mir vorbei zu laufen, ohne ihren Hund zu halten.

Als die Übung abgeschlossen war, bellte Mia natürlich immer noch. Endlich sah der Trainer zu Mia und fragte: „Was hat dieses Mäuschen hier für Probleme?“ In dem Moment musste ich mich wirklich zusammenreißen, nicht in Tränen des Frusts und des Versagens auszubrechen. Innerlich dachte ich:“Ist eh egal, da ich sie nicht behalten möchte“. Aber das Training hatte mich irgendwie in den Bann gezogen und so schilderte ich unsere Schwierigkeiten. Der Trainer lächelte und sagte: „Das können wir hinkriegen“. Die Kundin bestärkte ihn, sagte dass ihr Hund noch vor einigen Monaten genauso aktiv und unruhig gewesen sei. Noch viel schlimmer – sie hatte sich auf jeden Hund gestürzt und wollte ihn beißen. Wie bitte? Dieser ruhige, entspannte, vorbildliche Hund, der während des Gesprächs ungerührt neben ihr saß und wartete, sollte schlimmer gewesen sein als Mia? In diesem Moment hatte ich meine Trennungsgedanken nicht mehr.  Ich hatte ein neues Gefühl in mir: Das Gefühl von Hoffnung.

 

 

8 Kommentare zu „Eskalation – Mia, was sollen wir noch machen?

  1. Ach man, du machst es sooo spannend!! Du hast auch eine tolle Art zu schreiben, beim Lesen kann ich euch quasi vor mir sehen, als ob ich daneben stehe. 🙂
    Es ist so schön, wie du um Mia gekämpft hast und was ich ja auch bewundere, die Geduld deiner Kollegen und vor allem deines Chefs, so etwas hat man sicher nicht alle Tage.
    Jetzt bin ich super gespannt auf diesen Trainer!! ♥ Konnte förmlich dein Herz schlagen hören, als der Hund auf euch zukam. 🙂

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    1. Ich danke dir weiterhin, es ist toll für Leser wie dich zu schreiben 😀 Ja, ich hatte auch wirklich Glück, dass es so lange gut ging. Wäre gesagt worden dass sie nicht mehr mitkommen darf, hätten wir keine Alternative gewusst…

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  2. „In diesem Moment hatte ich meine Trennungsgedanken nicht mehr. Ich hatte ein neues Gefühl in mir: Das Gefühl von Hoffnung.“
    So jetzt ist mir ein Tränchen entwischt…

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    1. Nicht zu melodramatisch, nein ? 😀 aber ich erinner mich wirklich gut an die Zeit. Seit Wochen habe ich innerlich Abschied von Mia genommen und bin mit diesen Gedanken Gassi gegangen und bei der Begegnung war wirklich das erste Mal wo ich dachte: Muss ich sie vielleicht doch nicht abgeben? Das lag bestimmt an Carstens Lässigkeit und der Kundin, die mir sagte, dass ihr Hund früher so schlimm wie Mia war und sogar noch einen Tick durchgedrehter. 🙂

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  3. Ich bin tief bewegt von Deinen ehrlichen und offenen Worten. Wer gibt schon zu, dass er seinen Hund geren weggegeben hätte. Und hut ab, vor Deinem Chef. Ich denke nicht dass viele Arbeitgeber so regaiert hätten.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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    1. Ja, ich versuche ehrlich zu sein und reflektiert. Deswegen wissen wir auch, dass wir eine große Mitschuld trugen. Vielleicht kann ich so ehrlich drüber schreiben, weil es sich so sehr zum Guten gewendet hat ⚘

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  4. Wow…
    Dein Beitrag ist klasse. Meine Gefühle schwankten von hoch zu tief; vom Gefühl gleich los zu heulen bis zur reinsten Gänsehaut am Ende!
    Ihr habt so viel durch mit ihr, ich wünsche mir wirklich für euch, dass es besser wird (bzw wurde) … ich lese dann mal die neueren Beiträge 😉
    Liebe Grüße,
    Alina mit Yumo und Yari

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